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Joachim B. Schmidt

Du hattest in deinem Leben viele verschiedene Berufe. Unter anderem hast du als Journalist, Knecht, Gärtner, Trockenmaurer, Kellner und Hilfskoch gearbeitet. Wie kam es dazu, dass du Autor wurdest?

Nach meiner Lehre als Hochbauzeichner habe ich angefangen, mein Schreiben zu vertiefen, habe Kurzgeschichten und Leserbriefe geschrieben. Als ich dann 2003-2004 ein Jahr in Island verbrachte und auf einem Bauernhof arbeitete, hatte ich das Bedürfnis, ein Buch zu schreiben. Es war einfach in mir und wollte raus. Die langen, stürmischen Winterabende haben mir sehr geholfen. Und plötzlich war das Buch fertig; mein erstes Buch! Veröffentlicht wurde es zwar nie, aber nun wusste ich, dass ich das kann: Ein Buch schreiben. Und darum schrieb ich ein zweites. Es blieb unveröffentlicht. Ich schrieb ein drittes. Noch immer kein Verlag. Ich schrieb ein viertes, „In Küstennähe“, und das hat dann ein winziger Verlag veröffentlich. Ich bekam Lob dafür, und darum gab es kein Zurück.

 

Dein Buch „Kalmann“ spielt in Island. Wie kam es dazu?

Island ist meine Wahlheimat. Ich bin 2007 ganz nach Island ausgewandert. Diese Kulisse umgibt mich also seit mehr als 13 Jahren. Island inspiriert mich enorm. Die Geschichten, die man da aus den Steinen saugen kann, sind fantastisch.

 

Hast du einige Plätze deiner Geschichte persönlich besucht?

Ja, ich habe ein paar Tage in Raufarhöfn verbracht, habe mich da in einem Gästehaus eingenistet und mich mit den Locals unterhalten: mit dem Schulrektor, dem Hafenmeister, dem Dorfdichter, den Senioreninnen und Senioren... Sie haben mir geholfen, der Geschichte eine Authentizität zu verleihen. Húsavík und Akureyri kannte ich schon.

 

Wie bist du zum Diogenes Verlag gekommen?

Zu Diogenes bin ich über die Literaturagentur Liepman in Zürich gekommen. Um von einem grossen Verlag wahr- oder ernstgenommen zu werden, braucht man eine gute Literaturagentur.

 

Hast du dich von jemanden für deinen Hauptcharakter Kalmann inspirieren lassen?

Nein, es gibt keine Person per se, an die ich während dem Schreiben gedacht habe – abgesehen von mir selber. Kalmann hat ja eine sehr kindliche Seite, aber er steckt eben im Körper eines 33-Jährigen. Diese kindliche Seite ist meine.

 

Wer ist in dem Buch deine Lieblingsperson?

Oh, eine gute Frage! Natürlich hänge ich sehr an Kalmann. Er hat mich selber ein wenig verändert. Ich stehe heute mehr zu meinem kindlichen Ich. Aber abgesehen von Kalmann mag ich Bragi, den Dorfdichter enorm. Er ist ein lieber und gescheiter Kerl, ein erfolgloser Künstler, aber sehr bodenständig, und er lackiert sich die Fingernägel, einfach so. Aber auch Birna, die Polizeikommissarin mag ich. Sie begreift Kalmann, meint es gut mit ihm, nimmt ihn auch ernst. Auch sie ist cleverer, als ihre Vorgesetzten wahrscheinlich vermuten… ich merke grad, mein Buch ist eine Ansammlung von Außenseitern, under dogs. Und die mag ich.

 

Welcher Moment bei der Entstehung deines Romans war für dich am anstrengendsten?

Der schreckliche Moment, „Kalmann“ an eine Literaturagentur, also fremden Menschen zu schicken. Das Klicken auf „senden“. Man hinterfragt sich: Ist das Buch gut genug? Hätte ich länger daran feilen sollen? Wie viele Absagen werde ich verkraften können? Wer wird das Buch lesen? Was mache ich, wenn ich keinen Verlag finde? Bringts das überhaupt? Warum schreibe ich denn? Was ist der Sinn des Lebens? Und wer bin ich???

 

Kalmann und sein Großvater haben eine besondere Beziehung miteinander. Ist das bei dir und deinem Großvater genauso?

Hm. Mein Großvater mütterlicherseits starb, bevor es mich gab. Mein Großvater väterlicherseits starb, als ich noch ein Kind war. Ich habe nur wenige Erinnerungen an ihn, aber wir hatten ein gutes Verhältnis. Ich weiß noch, als Großvater gefragt wurde, welcher Enkel sein liebster sei. Und dann hat er gelächelt und auf mich gezeigt. Es ist gut möglich, dass in „Kalmann“ mehr von meinem Großvater steckt, als ich mir bewusst bin.

 

Hast du ein Lieblingswort/ einen Lieblingssatz auf Isländisch?

Oh, das gibt es viele. „Prump“ finde ich lustig; Furz. Oder „jæja“. Das sagt man, wenn man ungeduldig oder neugierig ist, wenn man zufrieden oder unzufrieden ist, wenn man von jemandem etwas erfahren will, oder wenn man will, dass jemand die Klappe hält. Auf die Betonung kommts an!

 

Wie lange hast du an diesem Roman geschrieben?

Etwa ein Jahr, würde ich schätzen. Mindestens. Aber auf zwei Jahre verteilt.

 

Schreibst du am liebsten am Tag oder in der Nacht?

Ich schreibe am allerliebsten in den Morgenstunden, so wie jetzt. Sobald die Kinder in der Schule und im Kindergarten sind, eile ich in die Landesbibliothek in Reykjavik und schreibe bis 12 oder 13 Uhr. Am Nachmittag habe ich Mühe, mich zu konzentrieren. Manchmal schreibe ich auch spät abends, wenn alle schlafen. Auch dann entstehen gute Zeilen.

 

Welche Tipps kannst du angehenden Autoren geben?

Sie sollen schreiben, was sie selber interessiert, was sie selber gerne lesen würden. Wenn eine stelle langweilig zu schreiben ist, ist sie wahrscheinlich langweilig. Und sie sollen ihre Texte den Leuten zum Gegenlesen geben, Eltern und Geschwistern, Freunden und Arbeitskollegen. Dann merkt man nämlich sehr schnell, ob überhaupt Interesse an den Texten besteht. Sie sollen ein Projekt auch mal beiseitelegen und ein neues beginnen können. Vorwärtsblicken. Sie sollen Vorbilder haben, Bücher lesen, die sie gut finden. Bei den Großen abschauen. Das hilft. Sie sollen das Rad nicht neu erfinden. Und sie sollen ihr Umfeld gut beobachten, die Leute im Stadtbus, im Laden. Sie sollen leben, neugierig sein. Und sie sollen über etwas schreiben, das sie gut kennen. Das finde ich ganz wichtig. Jede und jeder ist Experte für etwas. Also wenn jemand einen Büro-Job hat, ist es am einfachsten, wenn der Protagonist einen Büro-Job hat.

 

Arbeitest du bereits an einem neuen Buch? Falls ja, verrätst du uns ein wenig, worum es darin gehen wird?

Ich arbeite an zwei oder drei neuen Büchern. Aber ich verrate nichts!

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